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Richtung Osten immer geradeaus

Ja, es gibt sie doch, die langen Läufe, auch Ultra genannt, in Niedersachsen. Im Herbst letzten Jahres wurde der 5. Ems-Jade-Lauf gestartet. Er geht quer durch Ostfries­land. Von Emden nach Wilhelmshaven, immer am Ems­Jade-Kanal entlang. Bei bestem Läuferwetter, strahlend blauem Himmel, Temperatur von 8° C aber bei einem quä­lenden und störenden Ostwind. Der Veranstalter meinte, lieber Ostwind und Sonne als Westwind und Regen.

Meine Vorbereitung hat ein Dreiviertel Jahr gedauert. Zwei Marathonläufe und drei oder vier "Halbe" hatte ich in meinem Vor- bereitungsplan eingebaut. Durch Übermoti- vation hat mich mein "Medizinmann" zwei- mal verletzungsbedingt aus dem Verkehr gezogen. Der letzte Testlauf drei Wochen vor dem Ultra sollte der wiedererweckte Mara­thon in Bremen sein. Auch den musste ich verletzungsbedingt absagen.

 

Das Trainingspensum hatte ich zurückgeschraubt, bin nur noch 60-70 km pro Woche im langsamen Tempo gelaufen. Eine Woche vor dem Start bekam ich dann von meinem Arzt grünes Licht. Besonders euphorisch war ich nicht. War ich wirklich fit genug für die 72 km? War ich mental stark genug für die Strecke? Die letzten fünf Wochen hatte ich nicht richtig trainieren können. Was ist, wenn die Verletzung wieder auftritt? Meine Zeitplanung hatte ich längst aufgegeben.

So fuhr ich mit meiner Frau (jemand musste ja den Wagen nach Wilhelmshaven bringen) am Sonnabend nach Emden. Am Nachmittag erkundeten wir die Stadt zu Fuß. Zwei, drei Bekannte, die den Nordseelauf in diesem Jahr mitge- macht hatten, trafen wir. Ein kurzes Gespräch über Einstellung, Fitness und Taktik und wir verabschiedeten uns bis zum nächsten Morgen.

Um 08:00 Uhr war es endlich soweit. Die Sonne war noch nicht zu sehen, da standen 90 Einzelstarter an der Start­linie. Eine kurze Begrüßung und wir wurden mit dem Start­schuss auf die 72 km lange Strecke geschickt. Im Osten dämmerte es. Es schien ein schöner Tag zu werden. Vom ersten Kilometer an wurde sich unterhalten. Die bekannte Hektik der großen Stadtmarathonläufe vor dem Start und das Gerangel auf den ersten Kilometern gab es nicht.

Man redete und lief. Bald bildeten sich kleine Gruppen. Wir liefen zu viert. Die anderen drei hatten noch keine Ultra-Erfahrung. Ich bin ja schon den Rennsteig gelaufen und hatte somit Erfahrung. Wir liefen mit ca. 11 km/h. Nach 30, 35 Kilometern brach unsere Gruppe leider aus­einander. An der Wechselstation bei km 39 erwartete mich meine Frau. Ich war total überrascht, weil wir dieses nicht abgesprochen hatten. Es hat mich riesig gefreut.

Sie machte einige Fotos. Das brachte meine psychi­sche Einstellung wieder in Schwung. Zuschauer, wie bei den großen Stadtmarathons waren Mangelware. Wer verirrt sich auch schon an einem Sonntagmorgen an einen Kanal, der nur noch für die Sportschifffahrt genutzt wird. Die Sonne stand nun im Zenit und wir liefen immer noch. Die Strecke war gut präpariert, jeder Kilometer war gekennzeichnet. Halbmarathon, Marathon und sogar der höchste Punkt wurden besonders erwähnt.

Nach 45 km verließ mich mein letzter Partner. So musste ich die letzten 27 km alleine laufen. Ich hatte gar kein Zeitgefühl mehr, mental war ich aber immer noch in Ordnung. Die Beine wurden schwer, die Pausen an den Verpflegungsstationen länger.

Nach ca. 68 km kam mir ein Radfahrer in einem Veranstaltungs-Shirt entgegen. Er begleitete mich auf den letzten Kilometern, munterte mich auf. Wir unterhielten uns über "Gott und die Welt". Das tat gut. Das war eine tolle Idee der Veranstaltungsleitung, die Einzelläufer auf den letzten Kilometern von Radfahrern begleiten zu lassen. Das Ziel nahte, meine Frau winkte mir zu. 6:56 Stunden, waren verstrichen. Gleich war es geschafft. Im Ziel befan- den sich dann doch einige Zuschauer, meist Angehörige der Läufer. Nach dem Zieleinlauf stand erst einmal eine professionelle Massage der strapazierten Beine an. In der Sporthalle wurden Brötchen und Kuchen angeboten. Hier fand auch die Siegerehrung statt. Total überrascht war ich, als mein Name in der AK 50 aufgerufen wurde. Ich durfte auf die unterste Stufe des Treppchens. Ich bin richtig stolz gewesen. Der 2. Platz war "nur" 10 Minuten schneller als ich. Das ist doch genug Motivation für den nächsten Lauf - wenn ich verletzungsfrei das Laufjahr überstehe.

Manfred Gordon